Das komplette Interview gibt’s auch zum Anhören: Jetzt reinhören in den "Engagierte Stimmen"-Podcast des Zentrum für Zivilgesellschaft – Verein füruns.
Wie ein Tiroler Verein Bildung gerechter macht
Ein Gespräch mit Helmut Zander, Obmann des Vereins "Kostenlose Nachhilfe Tirol".
freiwillig-engagiert.at – die Servicestelle für freiwilliges Engagement in Österreich: Bis zu 58 Euro kostet eine Nachhilfestunde im Bundesland Tirol. Viele Schüler:innen bzw. ihre Eltern können sich das schlichtweg nicht leisten. Abhilfe schafft seit mehr als 15 Jahren ein kostenloses Freiwilligenangebot in Innsbruck und Umgebung. Mehr als 34.000 Unterrichtseinheiten wurden seither durch freiwillige Nachhilfelehrer:innen abgehalten – das entspricht einer Ersparnis von mehr als einer Million Euro für einkommensschwache Familien. Wir sprechen heute mit dem Mann, der dieses Erfolgsprojekt ins Leben gerufen hat: Helmut Zander.
Helmut, wie funktioniert eine Nachhilfestunde bei euch?
Helmut Zander (Kostenlose Nachhilfe Tirol): Danke für die Einladung. Die Freiwilligen werden hauptsächlich durch redaktionelle Beiträge in diversen Zeitungen, über Radio und TV über den Verein informiert und melden sich in Folge bei mir. Das heißt, Eltern wissen einerseits, dass sich ihre Kinder bei unserem Verein anmelden können, und umgekehrt finden sich Freiwillige, die sagen: „Das ist eine tolle Sache, da kann ich auch was beitragen.“ Die Schüler:innen melden sich eigentlich selten von selbst. Ich denke da an meine Jugendzeit – wenn man es vermeiden konnte, hat man das Lernen beiseitegeschoben. Das heißt, es melden sich eher die Eltern, diverse Vereine, die Jugendliche betreuen. Wir haben im Großraum Tirol rund 20 Vereine wie „Rettet das Kind“, „Ein Herz für das Kind“ und viele andere, die Jugendliche und Familien betreuen. Weiters sind es Lehrer:innen in den Schulen, die von unserem Verein wissen. Und natürlich klarerweise durch Mundpropaganda – das ist besonders bei Migrant:innen interessant. Wir schätzen, dass 70 bis 80 Prozent unserer Schüler:innen Migrationshintergrund haben.
Das sind ganz tiefgehende Momente, wenn man feststellen kann, dass durch die Nachhilfe die Schüler:innen schulisch weitergekommen sind. Ich denke da gerne an meine erste Familie – das waren Afghan:innen mit vier Kindern, die geflüchtet sind. Die konnten nur ihre Muttersprache. Ich habe diese Familie über ein Jahr bei mir zu Hause betreut. Wir haben wirklich mit Händen und Füßen gearbeitet, damit sie in der Sprache weiterkommen. Ich habe mir das Ganze immer phonetisch aufgeschrieben. Zum Beispiel heißt „sehr gut“ auf Farsi „Cheli Chubb“.
Ein ganz toller Erfolg war das Ergebnis: Es konnten alle vier Jugendlichen Berufe ergreifen. Der älteste Sohn hat eine Lehre im Lebensmittelbereich abgeschlossen. Der zweite Sohn war HTL-Schüler. Die älteste Tochter hat inzwischen geheiratet. Die Jüngste hat im Rahmen dieser Nachhilfestunden Deutsch gelernt. Wir haben sie das ganze Schuljahr betreut. Sie hat dann die Handelsakademie für Mädchen absolviert – obwohl sie ursprünglich nicht einmal Deutsch konnte. Jetzt ist sie berufstätig und lernt zusätzlich Lohnverrechnung. Ich glaube, da könnten sich manche Einheimische ein Scheibchen abschneiden, was man mit Fleiß und Willen schaffen kann.
Du hast das Ganze ja als Einmannbetrieb begonnen?
Ja, das ist richtig. Ich habe das circa ein Jahr lang wirklich alleine gemacht. Die örtlichen Zeitungen haben Artikel über den Verein geschrieben. Daraufhin haben sich Leute gemeldet, die gesagt haben: „Das klingt interessant, da möchte ich mitmachen.“ Wir sind mittlerweile auf rund 100 Mitglieder gewachsen – die, wie gesagt, alle kostenlos arbeiten. Das möchte ich ausdrücklich betonen. Wenn jemand aus dem Verein ein Buch oder ein Heft braucht, dann sage ich: „Bitte selber kaufen.“ Bei uns gibt es kein Geld. Das weiß jede:r, und niemand hat ein Problem damit. Jede:r Mitarbeiter:in kann mitarbeiten, solange er oder sie möchte. Manche sind seit Anfang an dabei – etwa ehemalige Schulkollegen von mir, die ich nach 30, 40 Jahren wiedergetroffen habe. Sie sind nach wie vor für den Verein tätig.
Und der Unterricht ist immer eins zu eins?
Genau. Jeder Freiwillige unterrichtet nur einen Schüler oder eine Schülerin. So ergibt sich die höchste Effizienz. Sobald es zwei, drei oder vier sind, ist das das Gleiche wie in der Schule. Ein einzelner Schüler muss dir zuhören – das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt kostenlose Nachhilfe in Österreich, aber dieses 1:1-Setting hebt uns qualitativ ab. Das motiviert auch beide Seiten. Der Schüler sieht plötzlich: „Ich kann etwas, das ich vorher nicht verstanden habe.“ Und unsere Kolleg:innen sagen: „Da geht einem das Herz auf.“
Wo genau finden die Lernstunden statt – ich nehme an, an ganz unterschiedlichen Orten?
Ja, das entscheidet jede:r Freiwillige selbst. Ich empfehle aber ausdrücklich: nicht bei sich zu Hause. Warum? Es ist schon mal passiert, dass sich ein Vater bei einem Lehrer beschwert hat, weil sein Kind zu dem nach Hause gekommen ist. Deshalb haben wir gesagt: Das machen wir nicht mehr so. Auch nicht bei den Schüler:innen zu Hause – da gibt es oft keine ruhige Ecke, wo die Kinder ungestört lernen können. Das ist natürlich auch Teil des Problems.
Und wo genau seid ihr jetzt aktiv?
Im Großraum Innsbruck – das umfasst ca. 30 Kilometer rund um die Stadt. Der Plan ist, das Projekt auf ganz Tirol auszuweiten – in Form eines Franchise-Systems, das aber nichts kostet. Die Hauptgruppen bekommen Unterlagen und Informationen, wie das Ganze ablaufen könnte. Ich würde die Betreuung übernehmen, alle Vorlagen zur Verfügung stellen. Die Freiwilligen müssen sie aber selbst suchen. Ich kann bei der Ausbildung unterstützen. Wichtig ist, dass jemand das konsequent durchsetzt und betreut. Sonst funktioniert es nicht. Ich habe bisher leider keinen Obmann-Stellvertreter gefunden. Der eine, den ich hatte, ist krankheitsbedingt ausgefallen. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden.
Wir haben im Vorgespräch auch über deinen eigenen Werdegang gesprochen. Was hat dich dazu bewogen, diesen Verein zu gründen?
Ja. Ich bin inmitten des 2. Weltkriegs geboren und bei einer Pflegemutter aufgewachsen – eine ältere Frau, die mir aber nicht helfen konnte. Ich bin ins Gymnasium gegangen, das war äußerst schwierig. Ich hatte keine Unterstützung, so wie unsere Schüler:innen heute durch den Verein. Es gab damals niemanden, der gesagt hätte: „Ich helfe dir weiter.“ Ich hab’s trotzdem geschafft, habe mich dann später beruflich und durch Weiterbildungen weiterentwickelt – mit Erfolg. Ich habe zwei Kinder, mittlerweile beide über fünfzig, und fünf Enkelkinder. Sie sind fleißig, lernen gut, haben Matura gemacht – das erfüllt mich mit Stolz.
Dann kam die Frage: Was mache ich in der Pension? Ich wollte nicht untätig sein. Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet. Man kann nicht einfach abschalten. Ich habe mich an meine Jugend erinnert und gedacht: Ich kann ja etwas tun, das den Geist fit hält – und auch den Körper.
Wenn du ein Ding in der österreichischen Bildungslandschaft ändern könntest, was wäre das?
Ich habe einen Artikel in der Kronen Zeitung gelesen, Herbst 2009: Die Kosten für gewerbliche Nachhilfe lagen damals bei 59 Millionen Euro. Ich rechne noch in Schilling – das ist ein Wahnsinn. Heute liegen die Kosten in ganz Österreich bei über 185 Millionen. Und wir haben eines der teuersten Schulsysteme Europas. Da kann man sich nichts drauf einbilden. Die Frage ist: Was läuft im Bildungssystem falsch? Und das muss die Regierung beantworten.
Mein Eindruck ist, dass unser neue Bildungsminister Interesse hat hier etwas zu bewegen. Aber viele Minister leben in einer anderen Welt. Sie müssten sich herabbewegen – zum „Fußvolk“. Das sind die Lehrer:innen, Eltern, Schüler:innen, die etwas verändern wollen. Die Verantwortlichen müssten sich viel stärker mit der Realität auseinandersetzen.
Nicht nur die Schüler:innen profitieren von der Nachhilfe. Auch die Freiwilligen sollen etwas vom Unterricht haben. Was kannst du uns dazu erzählen?
Ich hatte ein Gespräch mit der Rektorin der Pädagogischen Hochschule Innsbruck. Ich habe unseren Verein vorgestellt und vereinbart, dass heuer im Sommer Schüler:innen aus der Pädagogischen Hochschule, bei uns ein Praktikum machen können. Sie erhalten dafür ein von der Hochschule anerkanntes Zertifikat. Das ist für unseren Verein ein wichtiger Schritt. Auch an der Uni Innsbruck gab’s ein Projekt: Ein Team hat eine Kampagne im Rahmen der Lehrveranstaltung „Public Affairs und strategische Kommunikation“ entwickelt – über 30 Seiten stark. Ein durchdachtes Kampagnenkonzept für unseren Verein. Das freut uns natürlich sehr.
Gibt es zum Abschluss noch etwas, das dir am Herzen liegt?
Man kann’s nicht oft genug erwähnen: Es wäre wichtig, wenn jemand den Verein übernimmt. Solange ich geistig und körperlich fit bin – wobei, geistig reicht –, mache ich das weiter. Aber ich weiß nicht, wann der letzte Tag ist. Dann bricht das Ganze zusammen. Die Arbeit ist gut organisiert – es ist keine riesige Aufgabe. Natürlich braucht es Betreuung, aber jede:r kann sich das selbst einteilen. Es gibt keine festen Termine. Natürlich gibt’s Situationen, wo schnell Hilfe gefragt ist – etwa, wenn ein Schüler nächste Woche eine Schularbeit hat. Aber bei guter Planung ist das die Ausnahme.
Ich mache auch regelmäßig Rundschreiben an die Stadt Innsbruck, an die Magistratsdirektion für Schulen. Vor Weihnachten, Ostern, den Semesterferien – immer gibt’s ein Extrablatt auf Deutsch und Türkisch, das an alle Schulen geht. Schüler:innen können sich dann für Nachhilfe in den Ferien anmelden – eine Woche lang nur lernen. Auch im Sommer bieten wir Nachhilfe an – für Schüler:innen mit schlechten Noten oder vor Wiederholungsprüfungen.
Wenn jetzt jemand zuhört und sich denkt: „Das wäre doch was für mich“, dann wendet man sich am besten direkt an dich?
Ganz genau. Direkt über unsere Website: www.kostenlosenachhilfe.at. Dort findet man auch meine persönlichen Kontaktdaten.
Danke für das Interview und dein großartiges Engagement. Viel Glück und Erfolg beim Ausbau – und beim Weiterhelfen!
Ich danke für das Gespräch und die Möglichkeit den Verein vorzustellen und wünsche auch euch viel Erfolg für die Zukunft.