Zahlen, Stimmen, offene Fragen: Der Nachbericht zu Engagement.Connect
3,73 Millionen Menschen in Österreich engagieren sich freiwillig – knapp die Hälfte der Bevölkerung. Welche Trends sich hinter dieser Zahl verbergen und wie die Praxis darauf antwortet, diskutierte die jüngste Ausgabe von „Engagement.Connect“.
Unter dem Titel „Freiwilligenbericht trifft Praxis“ luden die Servicestelle freiwillig engagiert und das Sozialministerium zur Online-Diskussion. Im Mittelpunkt: der frisch erschienene 5. Freiwilligenbericht 2026. Sein Befund: Engagement und Ehrenamt verändern sich tiefgreifend – gewachsene Strukturen treffen auf heutige Lebensrealitäten. Die gute Nachricht: Viele Lösungsansätze liegen bereits am Tisch.
Zwischen „Macht Freude“ und „never ending“
Zu Beginn waren die mehr als 90 Teilnehmenden an der Reihe. Im abgefragten „Stimmungsbild“ stand „Macht Freude“ neben „Müde“, „Sehr gut“ neben „Angespannt“. Gleiche mehrere Teilnehmer:innen beschrieben ihren Vereinsalltag als „Viel Arbeit, aber motiviert“ oder „Herausfordernd wie immer“ – ein Spagat, der auch in den Antworten zur zweiten Frage spürbar wurde. Was die Engagierten derzeit am meisten beschäftigt, sortierte sich rasch zu vier Themenblöcken: die Gewinnung und Bindung von Freiwilligen, unsichere Finanzierung und Förderkürzungen, der Generationenwechsel sowie der Ruf nach mehr Wertschätzung und Sichtbarkeit.
Was die Zahlen verraten
Helene Feldner (Sozialministerium) und Susanne Göttlinger (Statistik Austria) lieferten die Datenbasis. Der 5. Freiwilligenbericht 2026 stützt sich auf eine Erhebung im Rahmen des Mikrozensus 2025 mit 11.445 Personenbefragungen. Einige der Befunde:
- Knapp die Hälfte engagiert sich: 48,2 % der Bevölkerung ab 15 Jahren sind freiwillig aktiv – das entspricht rund 3,73 Millionen Menschen.
- Informelles Engagement zieht davon: 38,7 % helfen privat im Umfeld – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2006 (27 %). Die formelle Vereinsarbeit liegt mit 24,1 % auf einem Tiefstand und damit erstmals klar unter dem informellen Engagement.
- Wo Österreich aktiv ist: Sport führt mit 27,7 %, gefolgt von Katastrophen-, Hilfs- und Rettungsdiensten (23,3 %), Kunst und Kultur (21,5 %) sowie Religion und Kirche (17,7 %).
- Regionale Dynamik: Bei der Gesamtbeteiligung führen Oberösterreich (52,3 %), Niederösterreich (51,6 %) und Vorarlberg (51,2 %). Bei der formellen Vereinsarbeit haben Vorarlberg (29,9 %), Steiermark (28,1 %) und Burgenland (27,8 %) die Nase vorn. Und: Je kleiner die Gemeinde, desto höher die Beteiligung – in Orten mit unter 2.500 Einwohner:innen engagieren sich 32,1 % im Verein, in Städten mit mehr als 100.000 nur 17,6 %.
- Generationen mit Ausrufezeichen: Die 60+-Jährigen bringen sich im Median mit 1,85 Stunden pro Woche ein – exakt so viel Zeit wie die unter 40-Jährigen. Die mittlere Gruppe (40–59) liegt mit 1,38 Stunden darunter. Ein deutliches Signal: Wer in Pension geht, zieht sich keineswegs zurück, sondern engagiert sich weiter – und das auf hohem Niveau.
- Bildung macht den Unterschied: Bei der formellen Vereinsbeteiligung sind 36,1 % der Universitätsabsolvent:innen aktiv, aber nur 11,7 % der Pflichtschulabsolvent:innen – ein klarer Hinweis auf ungenutzte Potenziale.
Der Freiwilligenbericht im Netz
Der 5. Freiwilligenbericht (Erhebungsjahr 2025) liefert detaillierte Einblicke in Strukturen, Motive und Entwicklungen des österreichischen Engagements. Er dient Organisationen und Politik als strategische Grundlage.
Praxisbeispiele stellen sich Herausforderungen
Theorie ist das eine, Alltag das andere. Im Anschluss an die Inputs kamen bei „Engagement.Connect“ eine Auswahl von Organisationen zu Wort. Sie alle stellen sich den im Bericht identifizierten Herausforderungen bereits. Vier zentrale Fragen standen im Raum:
- Wie führen wir Menschen verlässlich an eine Aufgabe heran?
- Wie machen wir Leitungsfunktionen für Frauen attraktiv?
- Wie integrieren wir junge, projektbezogene Engagementformen?
- Und wie heben wir bisher unterrepräsentierte Potenziale?
Die vorgestellten Praxisbeispiele machten Mut und sorgten für das ein oder andere Aha-Erlebnis:
Systemische Inklusion (Judith Oberzaucher, Caritas Kärnten): Judith Oberzaucher von der Caritas Kärnten kennt die Bandbreite: Freiwillige mit besonderen Bedarfen waren immer schon dabei – von Menschen mit Behinderungen über Personen mit Fußfesseln bis zu jenen mit psychischen Erkrankungen oder geringen Deutschkenntnissen. Was fehlte, war ein verlässlicher Prozess. Das Pilotprojekt „Ich bin dabei“, gefördert aus dem Anerkennungsfonds, schließt diese Lücke. Gemeinsam mit einer Werkstätte und einer Pflegeeinrichtung entwickelte das Team passende Engagementmöglichkeiten, hörte Selbstvertreter:innen, Fachsozialbetreuer:innen und Hausleitungen aktiv zu – und übersetzte sämtliche Unterlagen in leichte Sprache.
„Was uns gefehlt hat, war ein klarer, strukturierter und gleichzeitig flexibler Prozess. Bei einer dicht beschriebenen Freiwilligenvereinbarung und einer 14-seitigen Informationsbroschüre über Rechte, Pflichten, Datenschutz und Hygienevorschriften war die leichte Sprache mehr als notwendig.“
Strukturelle Frauenförderung (Gunilla Plank, Die Murauerinnen): Männlich dominierte Vorstände sind im Freiwilligenbereich die Regel – und ein Engpass: Fast die Hälfte der Organisationen findet schwer Menschen für Leitungsfunktionen. Gunilla Plank vom Verein Die Murauerinnen geht den umgekehrten Weg: konsequent auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten, ehrenamtlich, förderungsunabhängig und als Community-Anker im ländlichen Raum. In ihrem Pitch dreht sie die klassische Recruiting-Frage einfach um:
„Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr: ‚Wie gewinnen wir Frauen für ehrenamtliche Leitungspositionen?‘, sondern: ‚Wie gestalten wir ehrenamtliche Leitungspositionen so, dass sie für Frauen attraktiv sind?‘ Es braucht Strukturen, die passen, Sinn in der Tätigkeit und Spaß an der Aufgabe.“
Gelebte Dankeskultur (Roswitha Samhaber, OÖ Volksbildungswerk): Gerade dort, wo viele lange dabei sind, droht der Bruch beim Übergang. Roswitha Samhaber vom OÖ Volksbildungswerk setzt mit der Akademie der Volkskultur auf zwei Hebel: erfahrene Mitglieder durch persönliche Wertschätzung halten und Vereinsnachfolger:innen mit gezielten Weiterbildungsangeboten ausstatten. Damit übernehmen neue Verantwortliche Führung gut vorbereitet – statt aus dem kalten Wasser.
„Damit Menschen im Verein am Ball bleiben, braucht es echte Wertschätzung und persönliche Ansprache. Eine gelebte Dankeskultur ist dabei zentral: rechtzeitig und ehrlich ‚Danke‘ zu sagen zeigt Anerkennung – und direkte Ansprache wirkt oft stärker als allgemeine Aufrufe.“
Frühzeitige Bindung junger Menschen (Elisabeth Marcus, Freiwilliges Soziales Jahr): Junge Menschen engagieren sich – aber projekthaft und biografisch fragil. Elisabeth Marcus vom Verein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zeigt, wie ein intensiver Einstieg langfristig wirkt: Der Verein begleitet österreichweit knapp 1.000 junge Erwachsene durch ihr FSJ. Die Wirkung lässt sich klar in Zahlen messen – 75 % entscheiden sich anschließend für eine Ausbildung im Sozialbereich, 75 % bleiben dem Sozialbereich ehrenamtlich erhalten. Eine pädagogische Begleitung von hoher Qualität stärkt die Persönlichkeit der Teilnehmer:innen und stützt sie in herausfordernden Momenten.
„Das Freiwillige Soziale Jahr ist ein Türöffner: Unsere Teilnehmer:innen lernen den Sozialbereich intensiv kennen, wachsen dabei über sich hinaus und packen mit an, wo ihre Unterstützung gebraucht wird – während des Einsatzes, aber auch lange darüber hinaus.“
Lebensnahe Vermittlung im urbanen Raum (Sybille Auer, Freiwilligenzentrum Tirol Mitte): Im städtischen Raum entsteht Engagement nicht von selbst – Ausbildung, Studium und hohe Mobilität machen es schwer, junge Menschen zu binden. Sybille Auer vom Freiwilligenzentrum Tirol Mitte reagiert mit klaren Aufgabenbeschreibungen, niederschwelligen Mitmachformaten und der Verzahnung von Engagement und Studium. 2025 leisteten 55 Studierende über „Service Learning Tirol“ rund 2.420 Stunden Engagement und ließen sich diese fürs Studium anrechnen. Im Schulprojekt „Zeitschenken“ kamen 53 Jugendliche auf 1.590 Stunden. Bei jeder dritten Vermittlung im Zentrum sind die Engagierten unter 30.
„Junge Menschen suchen Sinn – aber sie wollen auch Klarheit: Was ist die Aufgabe? Wie viel Zeit brauche ich? Wer begleitet mich? Sobald Engagement integrierbar wird, bleiben sie auch dabei.“
Zwei weitere Beispiele rundeten den Praxisteil ab:
Digitale Nachbarschaftshilfe (Waldviertler Kernland): Die Region setzt auf die App „DAVNE“ – ein digitales Werkzeug, mit dem Nachbarschaftshilfe unkompliziert organisiert wird. Wer Hilfe braucht oder anbieten kann, findet über die App schnell zueinander – ohne Vereinsstruktur, ohne lange Wege.
Innovative Wege zu jungen Freiwilligen (Viva con Agua): Der Verein geht dorthin, wo junge Menschen ohnehin sind – auf Konzerte und Festivals. Freiwillige erhalten für ihren Einsatz Gratiseintritt, und auch beim Recruiting probiert die Organisation Ungewöhnliches: Ein Profil auf der Freundschafts-App „Bumble Friends“ macht erste Kontakte zur Orga niederschwellig möglich.
Vorgestellte Projekte & Organisationen
Weiterführende Informationen und Kontaktmöglichkeiten zu den vorgestellten Initiativen:
- Caritas Kärnten: www.caritas-kaernten.at
- Die Murauerinnen: www.murau.life
- Akademie der Volkskultur (OÖ):www.akademiedervolkskultur.at
- Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ): www.fsj.at
- Freiwilligenzentrum Tirol Mitte: www.freiwilligenzentren-tirol.at
- Waldviertler Kernland: www.waldviertler-kernland.at
- Viva con Agua: www.vivaconagua.at
Nachgefragt: Antworten auf Fragen aus dem Chat
Während der Veranstaltung blieben einige Fragen aus dem Chat offen. Susanne Göttlinger (Statistik Austria) hat sich idie Zeit genommen, diese schriftlich zu beantworten:
Wie erklärt sich der deutliche Rückgang von rund 5 Stunden pro Woche in früheren Erhebungen auf jetzt 1,73 Stunden?
Im Zuge der Datenerhebung und -aufbereitung wurden methodische Anpassungen vorgenommen, um Extremwerte zu reduzieren. Antworten wurden bereits innerhalb des Fragebogens automatisiert auf Plausibilität geprüft. Dadurch sinkt der Mittelwert deutlich – er reagiert stärker auf Extremwerte als etwa der Medianwert.
Gibt es Aufschlüsselungen nach Alter und Einsatzfeldern?
Nach Themenbereichen ja – die entsprechenden Daten finden sich im Tabellenband auf der Homepage von Statistik Austria. Eine Aufschlüsselung der konkreten Aufgaben nach Altersgruppen ist aufgrund der Fallzahlen nicht möglich; dafür wäre eine vorherige Kategorisierung der Aufgaben nötig.
Hat der Zusammenhang zwischen höherer Beteiligung und höherem Bildungsabschluss mit verstärkten Ressourcen zu tun – finanziell wie zeitlich?
Statistik Austria bereitet Daten auf, bewertet sie aber nicht. Diese Frage adressiert Susanne Göttlinger an das Sozialministerium.
Zählt die „bloße“ Mitgliedschaft – etwa Spielen im Fußballverein oder Mitspielen im Blasmusikverein – zur Freiwilligentätigkeit?
Nein. Bloß zu spielen, egal ob Instrument oder im Sport, zählt nicht als freiwillige Tätigkeit. Mithilfe bei Veranstaltungen – etwa beim Ticketverkauf oder in der Gastronomie eines Turniers – zählt hingegen sehr wohl dazu.
Umfasst der informelle Bereich auch persönliches Engagement zum Beispiel für den Klimaschutz, etwa die Teilnahme an Demonstrationen?
Nein. Die erfassten Tätigkeiten sind immer personenbezogen. Erhoben wurden konkrete Dienstleistungen am Menschen wie Unterstützung im Garten oder Besuchsdienste.
Gibt es eine Geschlechter-Gegenüberstellung der Gründe für und gegen freiwilliges Engagement?
Ja – die entsprechenden Auswertungen finden sich in den Tabellen 9.1 und 9.2 des Tabellenbands auf der Homepage von Statistik Austria.
Jetzt ist die Politik am Zug
Der Abend machte eines klar: Die Engagierten in Österreich gehen neue Wege – benötigen dafür Freiräume, verlässliche Finanzierung und sichtbare Wertschätzung. Diese Impulse wandern direkt weiter: Im Juni folgt die nächste Ausgabe von Engagement.Connect. Dann lautet der Titel: „Politik trifft Ehrenamt“ und die Freiwilligensprecher:innen der Parlamentsparteien stehen den Vertreter:innen der Freiwilligenorganisationen Rede und Antwort.
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