Politik trifft Ehrenamt: Was die Freiwilligenorganisationen beschäftigt
Wie können die Rahmenbedingungen für freiwilliges und ehrenamtliches Engagement verbessert werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt von „Engagement.Connect: Politik trifft Ehrenamt“ am 16. Juni 2026.
85 Vertreter:innen von Freiwilligenorganisationen nutzten die Gelegenheit, ihre Anliegen direkt mit den Freiwilligensprecher:innen der Parlamentsparteien zu diskutieren. Mit dabei waren Klaus Lindinger (ÖVP), Bernhard Höfler (SPÖ), Lisa Aldali (NEOS) und Agnes Sirkka Prammer (Grüne, in Vertretung von Leonore Gewessler). Die FPÖ war eingeladen, nahm jedoch nicht an der Veranstaltung teil.
Im Austausch wurde rasch deutlich: Vor allem Finanzierung, Planungssicherheit und Bürokratie beschäftigen viele Organisationen derzeit. Die Diskussion brachte nicht nur Verständnis für diese Herausforderungen, sondern auch mehrere konkrete Zusagen aus der Politik.
Die Positionen der Parteien
Was sagt die Politik zu all dem? Wir haben die zentralen Positionen der Ehrenamtssprecher:innen von ÖVP, SPÖ, NEOS und Grünen für euch zusammengefasst – aus ihren Eröffnungsstatements ebenso wie aus dem weiteren Verlauf des Abends:
Klaus Lindinger (ÖVP)
- Nachschärfen bei bestehenden Instrumenten: Freiwilligengesetz, Freiwilligenpauschale, Spendenabsetzbarkeit
- Wertschätzung als zentrale Aufgabe der öffentlichen Hand
- Bevorzugung Ehrenamtlicher bei gleicher Qualifikation im kommunalen Dienst (Am Beispiel der eigenen Gemeinde)
- Gemeinsamer Tisch von alpinen Organisationen, Bund und Ländern zur Schutzhütten-Finanzierung angeregt
- Wehr-/Zivildienstreform: Entscheidung bis Herbst angestrebt, Zivildienstdauer maximal zwölf Monate
Bernhard Höfler (SPÖ)
- Sozial- und arbeitsrechtliche Absicherung im Zentrum
- Sozialversicherungsschutz für Ehrenamtliche, eingebettet in bestehende Strukturen statt Parallelsystem
- Modell eines „Zeitkontos“ für ehrenamtliche Tätigkeit
- Nachfrage zur ausstehenden Förderentscheidung 2026 im zuständigen Ministerium zugesagt
- Ausweitung der pauschalen Reiseaufwandsentschädigung auf weitere Vereine als prüfenswert genannt
- Gemeinsames Paket für den Herbst angekündigt
Lisa Aldali (NEOS)
- One-Stop-Shop im Förderwesen: ein Portal, ein Antrag, eine Abrechnung
- Mehrjährige Finanzierungsvereinbarungen statt jährlicher „Projektlotterie“
- Bildung und Vereinbarkeit (auch Leistbarkeit von Engagement) als persönliche Anliegen benannt
Agnes Sirkka Prammer (Grüne)
- Einfache Förderstrukturen ohne Verlust an Transparenz
- Frühzeitige Planbarkeit der Mittel
- Stärkung von Koordinationsstellen als verlässliche Anlaufpunkte
- Gegen Abwertung einzelner Einsatzformen über ein „Nützlichkeits“-Kriterium; Öffnung des Zivildienstes auf freiwilliger Basis für Frauen
- Ausweitung der pauschalen Reiseaufwandsentschädigung (PRAE) über den Sport hinaus; Zertifizierung erworbener Kompetenzen als offenes Thema
Wo der Schuh drückt: Das Stimmungsbild
Wo drückt der Schuh? Wie kann die Politik euch unterstützen?" Mit diesen Fragen holte Moderatorin Ute Palmetshofer über das Tool Mentimeter ein Stimmungsbild aus den Freiwilligenorganisationen ein. Wir haben die Antworten nach Themen gebündelt und nach Zahl der Nennungen gereiht:
Finanzierung und Planungssicherheit (20 Nennungen)
„Planungssicherheit bei Förderverträgen“
„Förderbedingungen nicht jährlich abändern“
„Basisförderung, keine Projektförderung“
„Finanzielle Vorleistung – noch immer keine Zusagen für 2026
Kooperation und Abgrenzung (10)
„Engere Kooperation Politik ↔ Freiwillige“
„Gemeinsam und nicht Organisationen gegeneinander ausspielen“
„Klare Abgrenzung von bezahlter und freiwilliger Arbeit (Lückenbüßerfunktion)“
Freiwilligendienste, FSJ und Zivildienst (9)
„Freiwilliges Soziales Jahr als Zivilersatzdienst erhalten“
„Zivildienstersatz im Ausland absichern“
„FSJ/Auslandszivildienst abschaffen gefährdet den Erhalt der Organisationen“
Anerkennung und Sichtbarkeit (8)
„Anerkennung von Ehrenamt am Arbeitsmarkt“
„Wer Kompetenzen erwirbt, verdient Anerkennung“
„Kulturellem Ehrenamt stärker sichtbar machen
Absicherung, Haftung und Rechtsrahmen (5)
„Bundesweit einheitliche Versicherungslösung“
„Rechtssicherheit für Vereinsorgane – Haftungsrisiken vermindern!“
Bürokratie und Fördermanagement (4)
„Förderantragdschungel“
„One Stop Shop wäre ganz, ganz wichtig!“
Strafregisterbescheinigung (3)
„Warum müssen kommunale Ehrenamtsprojekte 29 Euro für Strafregister zahlen und nur Vereine erhalten ihn gratis?“
Steuerliche Erleichterung und Vereinbarkeit (3)
„Freiwilligenarbeit muss man sich leisten können“
„Vereinbarkeit von Freiwilligenarbeit mit Familie & Beruf“
Beratung und Weiterbildung (2)
„Kostenlose Rechts- und Steuerberatung für Vereine!“
Petra Pongratz, Leiterin der Servicestelle freiwillig-engagiert.at und Sprecherin der ARGE Freiwilligenzentren Österreichs, erkannte in den Ergebnissen viele jener Themen wieder, die Freiwilligenorganisationen derzeit beschäftigen:
Die Anliegen der Organisationen
In der offenen Runde ergriffen die Organisationen selbst das Wort und schilderten konkrete Fälle aus ihrem täglichen Tun. Auf viele davon reagierte die Politik direkt.
Planungssicherheit
Diskutiert wurde etwa der Fall einer Organisation, die im Juni noch immer auf ihre Förderentscheidung für das laufende Jahr wartet:
„Wir sind seit sechs Monaten in Vorleistung für etwas, von dem wir nicht wissen, ob wir das Geld bekommen. Früher konnte man sich als Verein eher darauf verlassen, dass die Förderungen kommen; in der aktuellen Budgetsituation ist das anders. Ich rede nicht von 2027, sondern von heuer.“
Bernhard Höfler (SPÖ) zeigte Verständnis und versprach, der Sache nachzugehen. Planungssicherheit, betonte er, umfasse auch die zeitgerechte Auszahlung, nicht nur die Vertragsdauer.
Alpine Schutzhütten
„Österreichs alpine Vereine erhalten und bewirtschaften einen großen Immobilienpark an Schutzhütten, dessen Betrieb und Sanierung laufend Mittel benötigt. Helmut Schwarzenberger von den Naturfreunden Salzburg bezifferte den Bedarf:"
„Wir haben eine Finanzierungslücke von rund 100 Millionen Euro. Die Folge: Pro Jahr müssen rund vier Hütten zusperren, und das schon seit mehr als einem Jahrzehnt. Wir sind da etwas der Spielball zwischen Bund und Land."
Klaus Lindinger (ÖVP) nannte rund 3,5 bis 4 Millionen EUR an zusätzlich budgetierten Mitteln pro Jahr – „bei einer Lücke von 100 Millionen also ein Kraftakt“ – und regte einen gemeinsamen Tisch von alpinen Organisationen, Bund und Ländern an.
Auslandsfreiwilligendienste
Stefanie de la Barra sprach für die Servicestelle WeltWegWeiser, ein Netzwerk aus 16 Organisationen im Auslandsfreiwilligendienst.
„In der Reform-Debatte ging es darum, die Anrechenbarkeit von Auslandsfreiwilligendiensten als Zivildienstersatz möglicherweise abzuschaffen. Das wäre für unsere 16 Organisationen eine Katastrophe. Ich würde gerne wissen, über welchen Zeithorizont wir sprechen.“
Lindinger (ÖVP), Höfler (SPÖ) und Aldali (NEOS) verwiesen übereinstimmend auf eine Entscheidung dazu bis Herbst. Agnes Sirkka Prammer (Grüne) sprach sich grundsätzlich dagegen aus, Einsatzformen über ein „Nützlichkeits“-Kriterium gegeneinander aufzuwiegen:
„Es werden derzeit keine Zivildienste – auch keine Auslandsdienste – geleistet, die nicht zu einer Stärkung des Bewusstseins für Demokratie und Sicherheit beitragen. Ob ich einen Auslandsdienst oder einen Gedenkdienst mache, im Bildungsbereich oder in einem Kindergarten tätig bin – das kann nicht anders gewertet werden als ein Zivildienst beim Roten Kreuz.“
Leistbarkeit von Engagement
Agnes Luschnitzki, die für die Caritas ein Integrationsprojekt für Drittstaatsangehörige leitet, brachte das Anliegen ihres Teams ein.
„Freiwilligenarbeit muss man sich leisten können – das ist nicht für jeden selbstverständlich. Bei mir sind viele Menschen dabei, die erst versuchen, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, etwa nach einem Asylverfahren. Gibt es Überlegungen in Richtung Steuerabsetzbarkeit, um ihnen eine direkte Erleichterung zu verschaffen?“
Bernhard Höfler (SPÖ) verwies auf die pauschale Reiseaufwandsentschädigung, die es im Sport gibt, und bezeichnete eine mögliche Ausweitung auf andere Vereine als „prüfenswert“. Agnes Sirkka Prammer (Grüne) gab zu bedenken, dass eine steuerliche Absetzbarkeit nur jenen nütze, die überhaupt Steuern zahlen – und eben gerade nicht jenen vielen, die sich trotz geringem Einkommen engagieren.
Bürokratie
Manfred Grabner engagiert sich seit fast 40 Jahren bei der Salzburger Bergrettung. Er sprach über den gewachsenen Verwaltungsaufwand:
„Früher war die Unfallmeldung ein Formular mit dem Kugelschreiber, heute alles online, signiert und weitergeleitet. Dazu doppelte Buchhaltung, Versicherungs- und Haftungsthemen, jetzt auch noch die ÖGK-Anmeldung der Ausbildner. Uns wäre geholfen, wenn man vereinfacht, damit der Bergretter wieder einfach in den Einsatz gehen kann.“
Anerkennung
Gottfried Kühnelt (Malteser) verwies auf die Ausbildungskosten im Rettungsdienst,
„Wir erwerben im Ehrenamt viele Soft Skills, vor allem im Teamwork. Aber wir bekommen keinerlei Förderung für unsere Ausbildungen – die Basisausbildung liegt bei über 200 Stunden, dazu kommt die Rettungssanitäter-Ausbildung. Das ist wertvoll fürs ganze Leben, verursacht uns aber Kosten, die niemand fördert.“
Albert Schempp (Salzburger Schützen) hielt ein Plädoyer auf den volkswirtschaftlichen Nutzen des Ehrenamts.
„Die Förderungen, die wir bekommen, fließen etwa achteinhalbfach in die Wirtschaft zurück. In Zeiten des Spardrucks sollte man überlegen, ob man das Potenzial der vielen Ehrenamtlichen nicht stärker nutzen kann. Statt gegeneinander sollte viel mehr miteinander gearbeitet werden.“
Was bleibt
Was nehmen wir uns konkret aus dem Abend mit:
- Bernhard Höfler (SPÖ) nannte eine Ausweitung der pauschalen Reiseaufwandsentschädigung auf weitere Organisationen „prüfenswert".
- Klaus Lindinger (ÖVP) regte einen gemeinsamen Tisch von alpinen Organisationen, Bund und Ländern an.
- Klaus Lindinger (ÖVP), Bernhard Höfler (SPÖ) und Lisa Aldali (NEOS) stellten in Sachen Auslandszivildienst übereinstimmend eine Entscheidung bis Herbst in Aussicht.
- Bernhard Höfler (SPÖ) sagte zu, der ausstehenden Rückmeldung des Sozialministeriums auf ein Förderansuchen nachzugehen.
Der Abend hat gezeigt: Die Anliegen liegen auf dem Tisch, erste Zusagen stehen. Wir bringen diese Themen weiter zu den Freiwilligensprecher:innen der Parteien, verfolgen die angekündigten nächsten Schritte und halten euch über Entwicklungen auf dem Laufenden.
Ihr habt ein Anliegen, das in die Politik gehört? Wir stehen im laufenden Kontakt mit den Sprecher:innen und leiten es gerne weiter – schreibt uns.
Wir halten euch weiter auf dem Laufenden. Mit unserem wöchentlichen News-Update #immerfreitags, das du mit einem Klick hier abonnieren kannst. Face to Face sehen wir uns dann spätestens am 1. Dezember, wenn die Servicestelle freiwillig-engagiert und die ARGE Freiwilligenzentren Österreichs zur Freiwilligenkonferenz 2026 lädt. Dann unter dem Titel „Wer macht Zukunft, wenn nicht wir?“
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